Im Rahmen ihrer Bemühungen müssen Bahnbetreiber nicht zuletzt auch Makrotrends berücksichtigen. Ein solcher Makrotrend ist Mobility-as-a-Service (MaaS), ein Ansatz, der vielen Zukunftsforschern zufolge die Verkehrswelt von morgen bestimmen wird. Die Idee dahinter ist die Entwicklung eines vereinheitlichten, vollständig vernetzten Mobilitätskonzepts, in dem Züge neben Straßenbahnen, Bussen, Taxis, Bike- bzw. Carsharing-Möglichkeiten und E-Scootern einen von vielen Bestandteilen eines größeren Systems darstellen.
In Helsinki wird genau dieses Konzept bereits in der Praxis erprobt. Über die App „Whim“ können registrierte Nutzer ihr Reiseziel sowie ihr bevorzugtes Verkehrsmittel auswählen. Ist es nicht möglich, allein damit ans Ziel zu gelangen, empfiehlt die App die beste Kombination der zuvor genannten Optionen – von Bus bis E-Bike. Selbst die Bezahlung erfolgt zentral über die App.
Strategien auf der Grundlage des MaaS-Ansatzes gehen häufig über die Optimierung von Bahnstrecken hinaus, etwa indem sie das Augenmerk auf Bahnhofsgebäude, Verkaufseinrichtungen und weitere Aspekte des Kundenalltags erweitern. Ein Beispiel in diesem Zusammenhang ist RingoPass, der neue MaaS-Dienst der East Japan Railway Company (JR East). Dieser führt die weitreichenden Vorteile der digitalen Transformation eindrucksvoll vor Augen.
„Um von A nach B zu kommen, braucht es manchmal auch alternative Transportmittel wie Taxis und Fahrräder“, betont Yukiko Ono, stellvertretende Geschäftsführerin der MaaS & Suica Headquarters von JR East, gegenüber Global Insights. „Unser Ziel war es deshalb, Nutzer möglichst nahtlos und unkompliziert an ihr Ziel zu bringen.“
Ono zufolge stamme die Entscheidung, diesen Schritt in Richtung digitale Transformation zu wagen, von der obersten Führungsebene: „Im Juli 2018 haben wir unsere neue Strategie namens ,Move UP 2027‘ enthüllt. Unser Präsident und CEO hat in diesem Rahmen angekündigt, eine völlig neue Denkweise im Unternehmen anstoßen und Innovation in den Mittelpunkt unserer Bemühungen rücken zu wollen.“
„Unsere Gewohnheiten in puncto Mobilität haben sich über Generationen hinweg entwickelt. Seit 130 Jahren haben wir keine neuen Wege eingeschlagen“, schreibt Prof. Dr. Andreas Herrmann, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen in der Schweiz und Direktor des dortigen Instituts für Mobilität (IMO-HSG), in einem von selbigem veröffentlichten Bericht mit dem Titel „Why Only Collaboration Can Push Mobility as a Service to the Next Level“ (Warum Zusammenarbeit der einzige Weg zu neuen Maßstäben in puncto Mobility-as-a-Service ist). Herrmann kommt zu dem Schluss, dass MaaS sich nur dann durchsetzen wird, wenn „sämtliche Akteure der Transportbranche langfristige Bemühungen unternehmen, um die Öffentlichkeit von den Vorteilen des Modells zu überzeugen“.
Darüber hinaus bedürfe es mehr Flexibilität und „strategischer Impulse“ seitens der wichtigsten Branchenakteure – einschließlich Bahnbetreibern. So gelte es unter anderem, höhere Summen in entsprechende Technologien zu investieren. Wie das Institut hervorhebt, würden viele Bahnunternehmen nach wie vor auf überholte Software und Hardware vertrauen, die einer Integration in MaaS-Plattformen im Wege stünden.
Kurz gesagt: Um sich ihren Platz in der vernetzten Verkehrswelt von morgen zu sichern, müssen Bahnsysteme digitalisiert werden. Nur so lassen sich bei Reisen, die mehrere Transportmittel umfassen, nahtlose Übergänge gewährleisten. Gleichzeitig kann die Digitalisierung den Entwurfs- und Planungsprozess für die Modernisierung und den Ausbau der Schienennetze mit Blick auf die zukünftige Nachfrage erleichtern.