Stadtentwicklung und Digitalisierung: Mit der Cloud zu Oslos neuem Stadtbild

Oslos neues Stadtbild profitiert maßgeblich von der Digitalisierung des Planungsprozesses.

An illustration of the future Hovinbyen project.

Mark de Wolf

11. Oktober 2023

Min. Lesedauer
  • Stadtentwicklung trifft Digitalisierung: Die Pläne für die umfangreiche Neugestaltung des Osloer Stadtteils Hovinbyen stehen kurz vor der Abnahme – und profitieren maßgeblich von der Zusammenarbeit aller Akteure in der Cloud

  • Herz des Projekts, mit dem Oslo ein neues Stadtbild erhalten soll, ist der Skanska Økern Park, bei dessen Konzeptionierung auch zahlreiche wirtschaftliche Interessen Berücksichtigung finden mussten

  • Cloud-Tools erleichterten die Planung und die Zusammenarbeit bei dem Bestreben, die Interessen der unterschiedlichen Beteiligten in Einklang zu bringen und eine Gesamtlösung zu finden, die allen ökonomisch gerecht wird

In städtischen Projekten sind stets die unterschiedlichsten Parteien mit ihren jeweils eigenen Vorstellungen und Ansichten involviert – von der Politik über die Stadtentwicklung bis hin zu den Ingenieurbüros und Bauunternehmen. Entsprechend erfordert eine erfolgreiche Zusammenarbeit gegenseitiges Vertrauen von Beginn an.

Hier kommen Technologieplattformen mit spezifischen Kooperationstools ins Spiel. Sie erleichtern die Projektverhandlungen, ermöglichen die gemeinsame Festlegung klarer Ziele sowie die Bereitstellung aller relevanten Fakten und sorgen dafür, dass alle Beteiligten das Gesamtbild fest im Blick haben.

Damit fungiert die Cloud nicht nur als zentraler Informationshub, sondern zugleich als Quelle gesteigerter Effizienz hinsichtlich Deadlines und iterativen Designs. Cloud Kollaboration – die Zusammenarbeit in der Cloud – kann jedoch auch der Ausgangspunkt für neue Geschäftsstrategien sein, wenn beispielsweise neue Informationen ein Umdenken bei der ursprünglichen Planung notwendig erscheinen lassen. Alle Betroffenen sehen unmittelbar die potenziellen Auswirkungen und können gemeinsam schneller neue Lösungen erarbeiten.

Von der industriellen Ödnis zur grünen Oase

 Dank Stadtentwicklung und Digitalisierung können Entwurfsdetails standortunabhängig geprüft werden
Dank der in der Cloud verfügbaren Kooperationstools konnten die Beteiligten beim Hovinbyen-Projekt Entwurfsdetails standortunabhängig schnell und unkompliziert prüfen. Credit: Skanska.

Das Osloer Projekt steht ganz im Zeichen weiterer europaweiter Bestrebungen der urbanen Umgestaltung. Zwar läuft die Planungsphase für den elf Quadratkilometer großen Stadtteil Hovinbyen noch, das Projekt, das sowohl Wohn- als auch Geschäftsgebäude umfasst, steht jedoch kurz vor der Abnahme und wird ab Baubeginn neben 50.000 bis 100.000 neuen Jobs auch 40.000 neue Wohnungen entstehen lassen.

Verantwortlich für Planung und Umsetzung des Entwicklungsprojekts Økern Sentrum ist das weltweit tätige Ingenieursbüro Skanska. Zusammen mit den Entwicklungsfirmen KLP Eiendom und Bane NOR Eiendom (BNE) sowie den Architektur- und Ingenieursbüros Løvseth+Partnere, NSW Arkitektur und Dark Design Group arbeitet Skanska derzeit an Gebäudeentwürfen für das zentrale Einkaufs- und Wohnareal. Innerhalb des Projekts Økern Sentrum ist Skanska für den Bau des im Økern Park gelegenen Wohngebiets zuständig, wohingegen KLP sich um die für den Handel vorgesehenen Gebäude kümmert. BNE wiederum ist sowohl an Wohnprojekten als auch kommerziell nutzbaren Projekten beteiligt.

In der Vergangenheit prägten Fabriken, Lagerhäuser und Industrielärm den Stadtteil Hovinbyen. Stattdessen sieht das Entwicklungsprojekt Økern Sentrum nun urbane Gartenflächen, Promenaden und öffentliche Plätze, die zum Verweilen einladen, vor. So soll auch der Fluss Hovinbekken, der jahrzehntelang von Industrieanlagen verdeckt wurde, in Zukunft wieder offen fließen und seinen beruhigenden Klang verbreiten.

„Wir wollen ein gänzlich neues urbanes Umfeld voller Energie schaffen, in dem sich die Menschen entfalten können“, so Martin Berger, Projektmanager bei Skanska.

Der kombinierte Plan verlangte nach einer ausgewogenen Mischung aus Wohn-, Geschäfts- und Freizeitarealen. Unter Berücksichtigung lokal erhobener Umgebungsdaten schienen die architektonischen Entwürfe jedoch einige der an der Entwicklung von Økern Sentrum Mitwirkenden zu benachteiligen. Es musste eine Lösung her, die alle zufriedenstellt.

Konsensbildung dank Digitalisierung in der Stadtentwicklung

Stadtentwicklung und Digitalisierung: Visualisierung einer Geräuschanalyse
Geräuschanalyse in Autodesk Forma. Credit: Skanska.

Gemeinsam mit BNE und KLP sammelte das Team von Skanska zunächst unter anderem mittels Drohnen zahlreiche Daten zu Sonnenlicht, Windverhältnissen und Geräuschkulisse. Anschließend kam Autodesk Forma in Kombination mit traditionellen Design- und Analysetools zum Einsatz, um ein 3D-Modell des Standorts zu erstellen und die Konzeptentwürfe einer Prüfung gemäß kommunalen Gebäudestandards zu unterziehen. Die einzelnen Projektparameter wie Tageslicht, Geräuschbedingungen und Wind konnten dabei in Autodesk Forma zeitsparend und für alle transparent und nachverfolgbar optimiert werden.

Da die Projektbeteiligten von überall aus auf dieselben Informationen Zugriff hatten, konnte Skanska die verschiedenen Lösungsvorschläge inklusive der damit verbundenen Auswirkungen auf die Entwürfe und Volumina binnen kurzer Zeit zur Verfügung stellen.

„Zunächst entschieden wir uns für eine Variante: eher niedrige Gebäude in Reihe oder lieber wenige hohe?“, erläutert Berger. „Dann überlegten wir, ob unsere Wahl mit den Nachbargebäuden harmonieren würde und ob wir uns eventuell gegenseitig helfen könnten.“

So erwiesen sich zum Beispiel bei den in Autodesk Forma durchgeführten Umgebungsanalysen die Erstentwürfe des Teams als ungeeignet. Hauptgrund: Ein Teil der Entwicklungspläne beinhaltete höhere Gebäude, die anderen das Sonnenlicht genommen hätten. Zudem hätte die höhere Etagenanzahl zu stärkeren Winden innerhalb des Bezirks geführt und verhindert, dass der Lärm aus den anliegenden Straßen gedämmt wird.

Berger zufolge stand Autodesk Forma im Fokus vieler Meetings mit vielen verschiedenen Partnerunternehmen. „Wir konnten gemeinsam das 3D-Modell begutachten, Anpassungen vornehmen und allen ermöglichen, schnell Lösungsvorschläge einzubringen.“ Das jeweilige Modell-Rendering ist bei allen Beteiligten identisch, was persönliche Treffen überflüssig macht. Alle Aspekte können direkt besprochen, Ideen gemeinsam durchgegangen und Entscheidungen schneller getroffen werden.

Das Team um Berger war folglich in der Lage, die Effekte seiner Vorschläge im 3D-Modell zu demonstrieren. Die Empfehlung: zusätzlicher Wohnraum. Es zeigte sich, dass dies ohne wirtschaftliche Einbußen möglich war und ein kleineres Gebäude dafür genügte. Dieses brachte gleich mehrere Vorteile mit sich: Das Volumen wurde reduziert, mehr Sonnenlicht konnte einfallen und der Verkehrslärm wurde vollständig eliminiert. Der Vorschlag fand Zustimmung und der Stadt wurden neue architektonische Entwürfe zur Absegnung vorgelegt.

Entscheidungsfindung in Minutenschnelle

Stadtentwicklung und Digitalisierung: Analyse des Tageslichtspotenzials
Analyse des Tageslichtpotenzials in Autodesk Forma. Credit: Skanska.

Bauwesen und Zusammenarbeit gehen stets Hand in Hand. Damit Entscheidungen in diesem Umfeld nicht länger Monate in Anspruch nehmen, können dank fortschreitender Digitalisierung Cloud-basierte Designtools ein probates Mittel sein, da sie den gesamten Prozess vereinfachen und zu mehr Effizienz führen. Bei komplexen Projektverhandlungen lassen sich damit selbst bei potenziellen Herausforderungen vorteilhafte Lösungen für die Beteiligten herausarbeiten. Dies kommt allen zugute.

„Früher hätte man die Geräusch- und Lichtbedingungen berechnet und in einem Bericht zusammengetragen und allein dafür schon mehrere Wochen oder auch einen ganzen Monat gebraucht“, macht Berger deutlich. „Dann hätte sich das Architektenteam wieder ans Zeichenbrett gesetzt und die Entwürfe überarbeitet, sie erneut zur Prüfung eingereicht und gehofft, dass die Pläne dieses Mal abgesegnet würden.“

Mark de Wolf

Zur Person: Mark de Wolf

Mark de Wolf ist freier Journalist und preisgekrönter Copywriter, der sich auf Technologie-Themen spezialisiert hat. Er wurde im kanadischen Toronto geboren, beschreibt sich selbst als „Made in London“ und lebt heute in Zürich. Sie erreichen ihn online unter markdewolf.com.

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